Nachdem das Rätsel um den geheimnisvollen Sandplatz endlich gelöst war, sorgte ein Bericht von Bürgermeister Müller in der Mai-Ausgabe von Lindenbach informiert erneut für Gesprächsstoff.
Wie der Bürgermeister mitteilte, war die neue Boulebahn bereits in der Februar-Ausgabe angekündigt worden. Diese Information hatte allerdings offenbar ein Großteil der Lindenbacher überlesen – oder sie war schlicht in der Vielzahl der Mitteilungen untergegangen.
Wie es der Zufall wollte, trafen sich auch diesmal wieder die bekannten „Dorfbeobachter“ bei ihrem Spaziergang durch Lindenbach.
Frau Mörtelbauer war gerade mit ihrem Hund unterwegs, als sie auf Frau Meier und Frau Hollerauer traf. Natürlich dauerte es nicht lange, bis das Gespräch wieder auf den inzwischen berühmten Sandplatz kam.
„Nun wissen wir ja endlich, dass das eine Boulebahn sein soll“, begann Frau Mörtelbauer. „Aber ehrlich gesagt – in der Mitteilung des Bürgermeisters wurde das nur ganz nebenbei erwähnt. Wenn die Gemeinde schon einen Spielplatz für alle Bürger baut, dann hätte das doch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.“
„Da hast du vollkommen recht“, stimmte Frau Meier zu. „Die Gemeinde investiert Geld, baut eine neue Boulebahn und dann gibt es dazu in Lindenbach informiert nur einen kleinen Satz. Da wundert es mich überhaupt nicht, dass fast das ganze Dorf darüber gerätselt hat.“
Frau Hollerauer nickte zustimmend.
„Und wenn schon eine Boulebahn gebaut wird, hätte man doch wenigstens ein Schild aufstellen können. Darauf könnte stehen, dass es eine Boulebahn ist – und vielleicht gleich noch die wichtigsten Spielregeln. Boule gehört schließlich nicht gerade zu den Sportarten, die hier in Lindenbach jeder von klein auf beherrscht.“
Während die drei noch diskutierten, kam – wie so oft – Herr Hansen vorbei, der ebenfalls seine tägliche Runde durchs Dorf drehte.
„Na, Herr Hansen“, rief Frau Meier. „Jetzt wissen Sie ja bestimmt auch, wofür der Sandplatz gedacht ist?“
Herr Hansen musste schmunzeln.
„Ja, inzwischen weiß ich das. Ich habe den Bericht vom Bürgermeister gelesen. Die Mitteilung im Februar hatte ich tatsächlich komplett übersehen.“
„Siehst du!“, sagte Frau Mörtelbauer. „Genau das meine ich.“
Herr Hansen dachte einen Moment nach.
„Wenn die Gemeinde schon Geld in die Hand nimmt und so einen Platz baut, dann hätte der Boulebahn doch auch eine richtige Einweihungsfeier gut gestanden. Eine offizielle Übergabe an die Bürger – das wäre doch etwas gewesen.“
Die drei Damen schauten sich an.
„Daran haben wir ja noch gar nicht gedacht“, meinte Frau Meier. „Mit Grillwurst und Getränken wäre das bestimmt ein schöner Nachmittag geworden.“
„Und Bürgermeister Müller hätte uns gleich zeigen können, wie Boule eigentlich gespielt wird“, ergänzte Frau Hollerauer mit einem verschmitzten Lächeln.
Frau Mörtelbauer musste lachen.
„Glaubt ihr wirklich, der Bürgermeister weiß überhaupt, wie Boule gespielt wird? Wer weiß schon, wer die Idee hatte, hier ausgerechnet eine Boulebahn zu bauen.“
Dann überlegte sie kurz und fügte hinzu:
„Vielleicht hat Bürgermeister Müller früher ja auch einmal Boccia gespielt. Das ist doch fast dasselbe wie Boule. Und vielleicht war er darin sogar gar nicht so schlecht.“
„Boccia haben wir Älteren doch früher eigentlich alle einmal gespielt“, meinte Frau Meier. „Das war doch etwas ganz Normales. Vielleicht kann der Bürgermeister das ja tatsächlich noch.“
„Dann soll er uns bei der Einweihung doch einfach mal zeigen, was er kann“, sagte Frau Hollerauer. „Dann sehen wir ja, wie treffsicher er wirklich ist.“
Herr Hansen grinste.
„Na, das wäre doch die Gelegenheit für ihn, sein Können unter Beweis zu stellen. Sonst sitzt er doch meistens nur auf seinem Stuhl.“
Alle mussten lachen.
„Erinnert ihr euch noch an die Jubiläumsfeier des Sportvereins?“, fragte Herr Hansen weiter. „Da dachte er auch, das sei alles ganz einfach – und am Ende sah es doch etwas anders aus.“
„Stimmt“, sagte Frau Meier schmunzelnd. „Vielleicht sollte man wirklich noch einmal darüber nachdenken. Eine offizielle Einweihung der Boulebahn wäre doch genau das Richtige. Große Feste haben wir in Lindenbach schließlich nicht mehr allzu viele.“
„Da ist etwas dran“, meinte Frau Hollerauer. „So kämen wenigstens einmal wieder viele Menschen zusammen. Vielleicht entwickelt sich die Boulebahn sogar zu einem Treffpunkt für Jung und Alt.“
„Das wäre doch eigentlich der schönste Erfolg“, sagte Frau Mörtelbauer. „Nicht die Boulebahn allein, sondern die Menschen, die sich dort begegnen.“
Herr Hansen nickte zustimmend.
„Bleibt nur die Frage: Wer sagt Bürgermeister Müller, dass noch eine Einweihung und eine vernünftige Beschilderung fehlen?“
„Ach“, antwortete Herr Hansen mit einem Augenzwinkern, „das werde ich ihm bei Gelegenheit schon einmal freundlich unter die Nase reiben. Schließlich soll so ein Platz nicht einfach still und leise entstehen, sondern auch von den Bürgern angenommen werden. Und das klappt eben am besten, wenn alle wissen, was dort gebaut wurde.“
„Genau“, sagte Frau Mörtelbauer. „Hätte die Gemeinde die Boulebahn damals etwas ausführlicher vorgestellt, wären viele Spekulationen vermutlich gar nicht erst entstanden.“
Diesem Gedanken stimmten alle zu.
Anschließend setzten sie ihren Spaziergang fort – gespannt darauf, ob Herr Hansen sein Versprechen wahr macht und ob Bürgermeister Müller die Anregung aufgreift.
Denn eines ist sicher: Eine Boulebahn allein bringt noch kein Dorf zusammen. Aber eine fröhliche Einweihungsfeier mit Grillwurst, kühlen Getränken und den ersten geworfenen Boulekugeln – die hätte durchaus das Zeug dazu.
