Die Sache mit der 30 – Neuigkeiten auf vier Pfoten
In Lindenbach ist wie immer viel los. Wer wissen will, was im Dorf passiert, braucht weder Internet noch Aushang am Schwarzen Brett. Es reicht ein Hund – besser noch zwei – und eine morgendliche Runde durch den Ort.
So auch bei Frau Hansen und Frau Meier, die wie jeden Morgen mit ihren Vierbeinern unterwegs sind. Die Hunde schnuppern an jedem zweiten Gartenzaun, während ihre Besitzerinnen die wirklich wichtigen Dinge des Lebens besprechen. Diese Runden gelten als äußerst beliebt und ausgesprochen informativ. Man trifft schließlich jeden: den einen Hundebesitzer von rechts, den nächsten von links, einen aus der Gärtnerstraße, einen aus dem Energieweg – und schwupps weiß man, was in Lindenbach los ist. Oder zumindest, was man darüber denkt.
An diesem Morgen jedoch liegt ein Thema besonders schwer in der Luft – und nein, es ist nicht der frische Gülleduft vom Feldrand.
„Sag mal, ist dir das auch aufgefallen?“, beginnt Frau Hansen und zieht die Leine etwas kürzer als ein Auto zügig an ihnen vorbeirauscht.
„Was genau?“, fragt Frau Meier, obwohl sie es längst weiß.
„Na, dass hier offenbar keiner mehr weiß, was die Zahl 30 bedeutet.“
Innerorts gilt in Lindenbach seit Jahrzehnten Tempo 30. Einfache Regel, klare Zahl. Trotzdem wird sie ebenso regelmäßig ignoriert wie gute Vorsätze im Januar. Schon seit Jahren weisen Bürgerinnen und Bürger darauf hin, dass man doch bitte etwas dagegen unternehmen möge.
Gesagt, getan: Vor einiger Zeit wurde in der Gärtnerstraße geblitzt. Die Hoffnung war groß, der Effekt leider überschaubar. Manche Lindenbacher interpretierten die Aktion offenbar eher als sportliche Herausforderung, denn als Ermahnung. Abschreckung? Eher so mittel.
Daraufhin griff die Gemeinde zu schwerem Gerät – oder zumindest zu Farbe. Große, unübersehbare „30“ wurden auf die Fahrbahn gemalt. Deutlich, klar, kaum zu übersehen. Eigentlich.
„Und was bringt’s?“, schnaubt Frau Meier, als schon wieder ein Fahrzeug deutlich zu flott unterwegs ist.
„Nicht viel“, antwortet Frau Hansen. „Jetzt stehen die Schilder da, die 30 liegt auf der Straße – und trotzdem fährt jeder, wie er meint.“
„Dabei sind es oft ganz normale Leute“, sagt Frau Meier nachdenklich. „Eltern auf dem Weg zum Kindergarten, Anwohner, die hier schon seit Jahrzehnten wohnen, sogar Fahrzeuge vom Bauhof.“
Frau Hansen schüttelt leicht den Kopf.
„Ja“, sagt sie, „und in Niedertalbach ist es doch ganz ähnlich. Da fahren sie auch nicht immer langsam.“
Dann senkt sie die Stimme ein wenig und fügt hinzu:
„Und selbst manche Kirchenvertreter scheinen es eilig zu haben. Da wird mitunter mit ordentlich Schwung durch die Straßen gefahren – fast so, als stünde alles unter besonderem Segen. Dabei predigen sie doch sonst, dass der Nächste wichtig ist.“
Frau Mayer muss schmunzeln.
„Das kann man manchmal wirklich kaum glauben“, sagt sie. „Aber vielleicht ist es einfach menschlich. Man merkt es bei den anderen sofort – bei sich selbst oft erst später.
Während sie noch sprechen, gesellt sich nach einiger Zeit Frau Mörtelbauer zu ihnen – natürlich ebenfalls mit Hund. Sie bleibt kurz stehen, hört aufmerksam zu und nickt zustimmend.
Nach einer Weile meldet sie sich zu Wort:
„Da habt ihr völlig recht. Und in der Blumenstraße ist es ganz ähnlich. Gerade im Sommer, wenn die Erntemaschinen unterwegs sind. So ein Trecker kann – voll beladen – auch schon mal 50 fahren.“
„Wenn man dann mit dem Hund auf dem Bürgersteig unterwegs ist“, fährt sie fort, „kann einem schon angst und bange werden. Das ist wirklich kein Honigschlecken.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Vielleicht sollte man auch dort noch einmal darüber sprechen, wie wichtig vernünftiges Fahren im Ort ist.“
Frau Hansen und Frau Mayer stimmen ihr zu.
„Und wenn erst einmal das Neubaugebiet fertig ist“, fügt Frau Mörtelbauer hinzu, „und alle Grundstücke bebaut sind – wie viele Menschen werden dann täglich durch die Blumenstraße fahren?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Ob dann wirklich alle 30 fahren?“
Die drei Frauen gehen ein Stück schweigend nebeneinander her.
„Vielleicht ist es einfach Gewohnheit“, überlegt Frau Hansen. „Oder man denkt: Ach, hier kennt mich ja jeder, mir passiert schon nichts.“
„Ja“, nickt Frau Meier. „Und auf dem Weg zurück zur Hauptstraße ist die 30 dann schon wieder vergessen.“
Sie bleiben kurz stehen, lassen die Hunde schnuppern und schauen sich im Ort um.
„Dabei gilt die 30 überall im Ort“, sagt Frau Mörtelbauer. „Und eigentlich weiß das auch jeder.“
„Stimmt“, antwortet Frau Meier. „Man darf sich nur immer wieder daran erinnern.“
„Vielleicht“, meint Frau Hansen, „kommt ja doch nochmal so eine Messung – diesmal mit diesen modernen Laserdingern.“
„Am besten früh morgens“, schmunzelt Frau Meier. „So ab sechs Uhr, wenn die ersten unterwegs sind.“
„Ja“, sagt Frau Hansen, „denn auch dann sollte man 30 fahren.“
Die Hunde zufrieden, die Gespräche ruhig, aber nachdenklich.
Eines wird deutlich: Tempo 30 betrifft alle, ganz gleich ob Anwohner, Pendler oder Besucher. Vielleicht braucht es neben Schildern und Markierungen auch weiterhin Gespräche, Aufmerksamkeit und gemeinsame Lösungen. Denn ein Ort lebt davon, dass man aufeinander Rücksicht nimmt – gerade dort, wo viele unterwegs sind.
